Mittwoch, 21 Juni 2017 09:59

Sonnwende als Lebenslehre

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Ibiza Vogel blogAuch wenn wir es kaum merken, passiert heute am Sommer-Sonnwendtag ein Shift im Kosmos und der Natur, der auch auf unser Leben eine wesentliche Wirkung hat. Er führt uns vor Augen, dass nicht nur die Tage wieder kürzer und die Nächte länger werden, sondern dass alles irgendwann einmal einen Höhepunkt erreicht und dann wieder abnimmt und sich auflöst. Deswegen wurde in vielen Hochkulturen dieser Tag nicht nur exakt bemessen, sondern auch demütig bedacht und herzlich gefeiert.



Im Gegensatz zu astronomischen Bemessungen ist unser Lebenslauf allerdings nicht messbar. Mag es Fluch oder Segen sein, aber wir wissen nicht, wann die Sonnwende in unser Leben eingetreten ist oder wann sie uns bevorsteht. Vielleicht macht sich diese Veränderung zunächst nur unmerklich und als leise Ahnung bemerkbar, oder als einschneidendes Erlebnis oder schockartige Erkenntnis.

Wie gehen wir damit um, wenn sich unser Hochmut von der ewigen Jugend und Gesundheit legt und wir erkennen, dass unsere Tage auf dieser Erde tatsächlich gezählt sind?
Wie stehen wir innerlich und äußlich dazu, wenn die körperlichen und geistigen Fähigkeiten nachlassen und die Sinne ihre gewohnte Klarheit verlieren?
Wann wird uns bewusst, dass Leben nicht nur in der zweiten Hälfte, sondern vom ersten bis zum letzten Atemzug unvorhersehbar und lebensgefährlich ist?
Befallen uns bei diesen Gedanken Zweifel am Lebenssinn und Ängste vor dem Verlust von all den materiellen und mentalen Reichtümern?
Werden wir beim Gedanken an die Vergangenheit melancholisch und bei der Vorstellung an die Zukunft deprimiert?

Es soll uns aber auch bewusst werden, dass es nicht nur eine Sommer-Sonnwende gibt, sondern auch eine Winter-Sonnwende, wo das Licht wieder mehr und die Dunkelheit weniger wird. Alle schwierigen Lebensthemen und Probleme haben ebenfalls ihren eigenen Wendepunkt, den wir zwar manchmal bewusst einleiten können, der sich aber auch ganz von selber und ohne jegliche Anstrengung ergibt. Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, dann sind oft die dunklen und schwierigen Zeiten und Lebensthemen, die tatsächlich eine positive Transformation eingeleitet hatten; und nicht jene Phasen, wo alles „Friede, Freude, Eierkuchen“ war.

Wenn wir die Natur beobachten, werden wir überall Kreisläufe erkennen, wobei das Absterben ein unersetzliches Teil für die Lebensentfaltung ist. Warum soll das nicht auch mit unserem Leben und Tod anders sein, auch wenn das niemand wirklich beweisen oder sich vorstellen kann. Aber es ist gerade dieser Glaube, der un“glaubliche“ Lebensfreude, Lebenskraft und Dankbarkeit entstehen lässt; trotz (oder wegen) der Unsicherheit, welches das Leben mit seinen Sonnwendtagen mit sich bringt.

Bruder David Steindl-Rast hat einmal gesagt: „Dankbarkeit ist die Spiritualität, die nicht von Religionen abhängig ist. Dankbar leben heißt, im Augenblick zu leben. Das macht Dankbarkeit zu einer spirituellen Praxis. Denn jede spirituelle Praxis will erreichen, dass du hinhorchst, welche Gelegenheit dir das Leben genau jetzt bietet. Du erweist dich dankbar, indem du diese Gelegenheit annimmst und etwas daraus machst.“

PS: Das Foto ist allerdings 2013 um die Tagnachtgleiche während unseres Ibiza-Yogaretreats entstanden, das wir auch diesen Oktober wieder halten werden, um die sonnigen Tage in den Herbst zu verlängern : )

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